Reiche der Wirklichkeit nicht Qualen für
ihn genug? Mußte er, sie zu vermehren, auch ein noch weiteres Reich
von Einbildungen in ihm schaffen?
Sara. Klagen Sie den Himmel nicht an! Er hat die Einbildungen in
unserer Gewalt gelassen. Sie richten sich nach unsern Taten, und wenn
diese unsern Pflichten und der Tugend gemäß sind, so dienen die sie
begleitenden Einbildungen zur Vermehrung unserer Ruhe und unseres
Vergnügens. Eine einzige Handlung, Mellefont, ein einziger Segen, der
von einem Friedensboten im Namen der ewigen Güte auf uns gelegt
wird, kann meine zerrüttete Phantasie wieder heilen. Stehen Sie noch
an, mir zuliebe dasjenige einige Tage eher zu tun, was Sie doch einmal
tun werden? Erbarmen Sie sich meiner, und überlegen Sie, daß, wenn
Sie mich auch dadurch nur von Qualen der Einbildung befreien, diese
eingebildete Qualen doch Qualen und für die, die sie empfindet,
wirkliche Qualen sind.--Ach, könnte ich Ihnen nur halb so lebhaft die
Schrecken meiner vorigen Nacht erzählen, als ich sie gefühlt habe!--
Von Weinen und Klagen, meinen einzigen Beschäftigungen, ermüdet,
sank ich mit halb geschlossenen Augenlidern auf das Bett zurück. Die
Natur wollte sich einen Augenblick erholen, neue Tränen zu sammeln.
Aber noch schlief ich nicht ganz, als ich mich auf einmal an dem
schroffsten Teile des schrecklichsten Felsen sahe. Sie gingen vor mir
her, und ich folgte Ihnen mit schwankenden ängstlichen Schritten, die
dann und wann ein Blick stärkte, welchen Sie auf mich zurückwarfen.
Schnell hörte ich hinter mir ein freundliches Rufen, welches mir
stillzustehen befahl. Es war der Ton meines Vaters--Ich Elende! kann
ich denn nichts von ihm vergessen? Ach! wo ihm sein Gedächtnis
ebenso grausame Dienste leistet; wo er auch mich nicht vergessen
kann!-- Doch er hat mich vergessen. Trost! grausamer Trost für seine
Sara!-- Hören Sie nur, Mellefont; indem ich mich nach dieser
bekannten Stimme umsehen wollte, gleitete mein Fuß; ich wankte und
sollte eben in den Abgrund herabstürzen, als ich mich, noch zur rechten
Zeit, von einer mir ähnlichen Person zurückgehalten fühlte. Schon
wollte ich ihr den feurigsten Dank abstatten, als sie einen Dolch aus
dem Busen zog. Ich rettete dich, schrie sie, um dich zu verderben! Sie
holte mit der bewaffneten Hand aus--und ach! ich erwachte mit dem
Stiche. Wachend fühlte ich noch alles, was ein tödlicher Stich
Schmerzhaftes haben kann; ohne das zu empfinden, was er
Angenehmes haben muß: das Ende der Pein in dem Ende des Lebens
hoffen zu dürfen.
Mellefont. Ach! liebste Sara, ich verspreche Ihnen das Ende Ihrer Pein
ohne das Ende Ihres Lebens, welches gewiß auch das Ende des
meinigen sein würde. Vergessen Sie das schreckliche Gewebe eines
sinnlosen Traumes.
Sara. Die Kraft, es vergessen zu können, erwarte ich von Ihnen. Es sei
Liebe oder Verführung, es sei Glück oder Unglück, das mich Ihnen in
die Arme geworfen hat, ich bin in meinem Herzen die Ihrige und werde
es ewig sein. Aber noch bin ich es nicht vor den Augen jenes Richters,
der die geringsten Übertretungen seiner Ordnung zu strafen gedrohet
hat--
Mellefont. So falle denn alle Strafe auf mich allein!
Sara. Was kann auf Sie fallen, das mich nicht treffen sollte?--Legen Sie
aber mein dringendes Anhalten nicht falsch aus. Ein andres
Frauenzimmer, das durch einen gleichen Fehltritt sich ihrer Ehre
verlustig gemacht hätte, würde vielleicht durch ein gesetzmäßiges Band
nichts als einen Teil derselben wiederzuerlangen suchen. Ich, Mellefont,
denke darauf nicht, weil ich in der Welt weiter von keiner Ehre wissen
will als von der Ehre, Sie zu lieben. ich will mit Ihnen nicht um der
Welt willen, ich will mit Ihnen um meiner selbst willen verbunden sein.
Und wenn ich es bin, so will ich gern die Schmach auf mich nehmen,
als ob ich es nicht wäre. Sie sollen mich, wenn Sie nicht wollen, für
Ihre Gattin nicht erklären dürfen; Sie sollen mich erklären können, für
was Sie wollen. Ich will Ihren Namen nicht führen; Sie sollen unsere
Verbindung so geheimhalten, als Sie es für gut befinden; und ich will
derselben ewig unwert sein, wenn ich mir in den Sinn kommen lasse,
einen andern Vorteil als die Beruhigung meines Gewissens daraus zu
ziehen.
Mellefont. Halten Sie ein, Miß, oder ich muß vor Ihren Augen des
Todes sein. Wie elend bin ich, daß ich nicht das Herz habe, Sie noch
elender zu machen!--Bedenken Sie, daß Sie sich meiner Führung
überlassen haben; bedenken Sie, daß ich schuldig bin, für uns weiter
hinauszusehen, und daß ich itzt gegen Ihre Klagen taub sein muß, wenn
ich Sie nicht, in der ganzen Folge Ihres Lebens, noch schmerzhaftere
Klagen will führen hören. Haben Sie es denn vergessen, was ich Ihnen
zu meiner Rechtfertigung schon oft vorgestellt?
Sara. Ich habe es nicht vergessen, Mellefont. Sie wollen vorher ein
gewisses Vermächtnis retten.--Sie wollen vorher zeitliche Güter retten
und mich vielleicht ewige darüber verscherzen lassen.
Mellefont. Ach Sara, wenn Ihnen alle zeitliche Güter so gewiß wären,
als Ihrer

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