Das kleine Dummerle | Page 4

Agnes Sapper
ihn vorging, und stellte oft
wunderliche Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer
miteinander und brauchten ihn nicht, so blieb nur das Elschen übrig
und mit dem konnte er noch nicht viel besprechen; aber er hatte es doch
sehr lieb, schon weil es nicht auf ihn heruntersehen konnte, wie all die
andern, sondern weil es sogar zu ihm hinaufblicken mußte; er hatte es
lieb, weil es nie Dummerle zu ihm sagte, denn es war noch kleiner und
dummer als er.
Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn Frieder hatte
mehr Zeit und auch mehr Geduld als die größern Geschwister und
wenn Elschen noch so oft des Tages eine ihrer fünf schönen Glaskugeln
verlor, so suchte sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die
Kleine verstand noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war
sehr davon bedrückt, und als er an diesem Nachmittag aus der Schule
kam, fiel ihm ein, er wolle auch helfen Wohnung suchen. Sein Weg
führte ihn durch die Kaiserstraße, das war die eleganteste Straße der
Stadt. In dieser gab es ja prächtige Häuser, da mußten feine
Wohnungen sein, wenn er so eine finden könnte!
Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in seinem verwaschenen blau
und weiß gestreiften Sommeranzug ging Frieder in eines des
stattlichsten Häuser, die teppichbelegte Treppe hinauf und drückte auf
die Klingel im ersten Stock. Er mußte ein wenig warten, denn das
Dienstmädchen war eben am Scheuern; sie mußte erst ihre nasse

Schürze ablegen, schnell eine weiße antun, rasch am Spiegel ihr Haar
glatt streichen -- so, nun war sie allerdings schön genug, um unserem
Frieder aufzumachen. Der zog sein Mützchen ab und sagte: »Wir
suchen eine Wohnung.« Er mußte es noch zweimal sagen, denn das
Mädchen meinte immer, es habe ihn falsch verstanden. Dann lachte sie
und sagte: »Du kleiner Däumling, du willst eine Wohnung suchen?
Geh, da würde ich doch noch zwanzig Jahre warten,« und damit ließ sie
den kleinen Mann stehen und schloß die Türe. »Zwanzig Jahre können
wir doch nicht warten,« dachte Frieder und ging eine Treppe höher.
Dort öffnete ihm ein Junge, nur ein paar Jahre älter wie er. Als dieser
erfaßt hatte, was Frieder wollte, führte er ihn in das Zimmer und rief
einer Dame, die da saß, zu: »Sieh doch, Mama, da ist so ein komischer,
kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.«
Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig mißtrauisch
entgegen, sie fragte ihn, wem er gehöre. Der Musiklehrer Pfäffling
hatte aber einen guten Namen und war der Dame nicht unbekannt. Sie
fragte nun noch allerlei. Der Frieder antwortete, so gut er's verstand.
Man konnte ihm wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der
Wohnungsnot. Die Dame konnte ihm aber doch nicht helfen. »Liebes
Kind,« sagte sie, »geh du lieber heim, dein Vater wird schon selbst eine
Wohnung finden.« Der Frieder schüttelte traurig das Köpfchen.
»Nein,« sagte er, »uns will niemand nehmen, weil wir sieben Kinder
sind.«
»Das ist aber arg, Mama,« sagte der kleine Sohn des Hauses, »wenn sie
keine Wohnung finden, dann müssen sie immer auf der Straße
bleiben.«
»Bewahre,« entgegnete die Mama, »sie kommen schon unter; sieben
Kinder sind nicht so schlimm, da drüben wohnt eine Familie mit acht
Kindern und es gibt auch solche mit zehn!« Da lauschte der Frieder,
das war ihm eine gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das mußte
er gleich daheim erzählen, die wußten das gewiß nicht. Er gab das
Wohnungsuchen auf und ging heim.
Als Frau Pfäffling im Kreis der Ihrigen erzählte, daß sie an diesem
Nachmittag vergeblich in vielen Häusern gewesen sei, sagte Frieder

ganz ernsthaft: »Ich habe auch Wohnungen gesucht und keine
gefunden.« »Du hast gesucht? ja wo denn? wie denn?« fragten alle
durcheinander und während er erzählte, wurde er von den Großen
unbarmherzig ausgelacht und von den Eltern gezankt, daß er allein in
fremde Häuser gegangen war. Frieder ließ das Köpfchen hängen.
Niemand bemerkte, daß Tränen in seinen Augen standen, nur die kleine
Else sah es, weil sie gerade an ihn herankam und zu ihm aufsah, und sie
streichelte den Bruder. Sie verstand auch noch nicht, warum die andern
lachten, und das tat dem Frieder wohl, in ihren Augen war er doch kein
Dummerle!
Frau Pfäffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig gemacht.
Freilich war sie auch teurer als die seitherige, gerade etwa um soviel
teurer als Herrn Pfäfflings Reise gekostet hätte, aber es waren doch so
viele Zimmer darin, daß die große Familie gut Platz hatte. Frau
Pfäffling berichtete genau über die innere Einteilung. »Du hast ja noch
gar nicht gesagt, in welcher Straße sie liegt, das möchte ich doch vor
allem wissen,« sagte Herr Pfäffling. Da kam es etwas zögernd heraus:
»Sie liegt in der Hintern Katzengasse Nr. 13.«
»In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja nicht einmal dem
Namen nach. Wollen wir doch sehen, wo die liegt.« Auf demselben
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