Das kleine Dummerle | Page 3

Agnes Sapper
gefiel ihm, der Preis war nicht zu hoch, jetzt
nur gleich fest mieten. Dem Werkmeister war es auch recht, er holte
einen Mietvertrag zum Unterschreiben, und während er Tinte und
Feder bereitlegte, fragte er nach dem Namen seines Mieters.
»Pfäffling.«
»Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?«
»Musiklehrer.«
»So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.«

»Stört in unserem Fall nicht viel,« sagte Herr Pfäffling, »ich gebe viel
Unterricht außer Haus.«
»Das ist gut, denn ich muß Ihnen gleich sagen, im untern Stock wohnt
eine Dame, eine feine Dame, die leidet an Kopfweh und braucht Ruhe.
Aber wenn die Stunden alle außer Haus sind, ist's schon gut.«
»Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.«
»Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr groß?«
»Sehr groß?« sagte Pfäffling, »was heißt das, es gibt noch viel größere,
und übrigens kommt alles darauf an, ob Kinder streng gehalten werden;
die meinigen dürfen keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den
Vertrag, ich habe nicht viel Zeit.«
Aber der Hausherr war hartnäckig. »Wissen möchte ich doch, wieviel
Personen ins Haus kommen und was für welche,« sagte er, »wieviel
Kinder, bitte? Sind's Knaben oder Mädchen?« Nun half nichts mehr,
Herr Pfäffling mußte bekennen: »Vier Buben sind's, und dann noch so
ein paar kleine Mädels, die merkt man nicht viel.«
Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. »Es geht nicht,« sagte er,
»es ist unmöglich, Musikstunden sind schon schlimm, dazu aber noch
ein halbes Dutzend Kinder, nein, was zu viel ist, ist zu viel!«
»Aber Mensch,« rief Pfäffling außer sich, »wir müssen doch auch
wohnen, was sollen wir denn tun, wenn uns niemand hereinläßt!«
In diesem Augenblick erschienen zwei ältere Damen unter der Türe, sie
wollten die Wohnung besehen. Der Hausherr begrüßte sie höflich -- für
unsern armen Musiklehrer hatte er keinen Blick mehr, der konnte
gehen.
Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau hängte eben im
Vorgärtchen Wäsche auf; als sie hörte was Pfäfflings Begehr war, holte
sie ihren großen Schlüsselbund und schickte sich an, mit ihm
hinaufzusteigen in den vierten Stock. Herr Pfäffling dachte bei sich:

»Eigentlich ist's ganz unnötig, daß ich die Wohnung ansehe, ich nehme
sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau uns nimmt, das
ist die Frage!« Er sagte aber nichts und ging voraus, die Treppe zum
ersten Stock hinauf. Langsam folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt
war und schwer atmete. Pfäffling wurde ein wenig ungeduldig, er war
schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgültig, wie die
Zimmer aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz mußte die Frau ein
wenig ausschnaufen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »Ich
will Ihnen lieber gleich mitteilen, daß ich Musiklehrer bin,« sagte er,
»wenn Sie also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.«
Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gnädig: »Steigen Sie nur
weiter hinauf.« Im Nu war Pfäffling die zweite Treppe droben, die
Hausfrau keuchte nach. Auf dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause
zum Atemholen und Pfäffling: »Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß
wir sieben Kinder haben.«
»Um Himmels willen,« rief die Frau, »haben Sie denn für jedes
Stockwerk so eine Hiobspost? Bis wir in den vierten Stock
hinaufkommen, spielen Sie die Regimentstrommel und haben noch ein
Dutzend Buben in der Kost! Ich tu' aber nicht mehr mit!« Und die
schwerfällige Frau machte Kehrt, hörte gar nicht mehr auf die guten
Worte, die ihr Pfäffling gab, und brummte noch vor sich hin: »Gott
bewahre mich vor so einer Gesellschaft!«
Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs heim --
für heute hatte er's satt!
Als er bei Tisch erzählte, wie es ihm ergangen war, fühlten sich die
Kinder ordentlich beschämt, daß die Eltern ihretwegen nirgends
aufgenommen wurden, und nach Tisch, wo sie sonst alle im Hof
herumtollten, standen sie ganz bescheiden in einem Eckchen
beisammen und besprachen die Wohnungsnot. »Wir Großen können
nichts dafür, daß wir so viele sind,« sagte der Älteste, »wir drei waren
schon immer da.«
»Und wir zwei auch,« sagte eine der Zwillingsschwestern, »aber der
Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.« »Ja, die sind

schuld, daß wir so viele sind.«
»Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein und still, das
bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, ja der Frieder mit seiner
ewigen Ziehharmonika, wenn der nicht wäre, dann wären wir bloß
sechs.« Sie sahen alle auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner
Sünder und fühlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als
seine Geschwister längst schon die Sorge abgeschüttelt hatten und
lustig im Hofe spielten, war er noch still und nachdenklich.
Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. Die drei
großen Brüder sahen auf ihn herab und nannten ihn das Dummerle. Er
war eigentlich nicht dumm, aber weil er immer Harmonika spielte,
hörte und sah er manchmal nicht, was um
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