Tisch, wo kürzlich die Karte vom Fichtelgebirge aufgelegen war,
wurde nun der Stadtplan ausgebreitet, und wieder steckten sich alle
Köpfe zusammen, bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie
führte von der Vorderen Katzengasse nach der alten Trödlergasse.
»Eine feine Lage ist's nicht,« sagte Pfäffling.
»Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstraße wäre feiner
gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.«
»Wem gehört denn das Haus?«
»Einem Seifensieder.«
»Riecht's da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?«
»Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.«
»Da ist wohl auch kein Gärtchen oder Hof dabei, und das Haus ist
nördlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt kaum in diese engen
Gassen,« sagte Pfäffling seufzend. »Es können nicht alle auf der
Sonnenseite wohnen,« erwiderte Frau Pfäffling, »wie viele müssen im
Schatten vorlieb nehmen!«
»Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, wenn wir gar
nichts Besseres finden, nun, dann müssen wir uns eben begnügen.«
Am nächsten Tag fand sich nichts Besseres und mit schwerem Herzen
wurde der Beschluß gefaßt, in der Hintern Katzengasse Nr. 13
einzumieten.
Inzwischen war in der schönen Wohnung, die Frieder in der
Kaiserstraße angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft versammelt.
Die Dame des Hauses erzählte von dem kleinen Pfäffling, der mit dem
Ränzchen auf dem Rücken nach einer Wohnung bei ihr gesucht habe.
Wie groß mußte die Verlegenheit der Familie sein, wenn sie alle
Kinder bis herunter zum sechsjährigen ausschickte auf Suche nach
Wohnung! Ein älteres Fräulein aus der Gesellschaft, das ein warmes
Herz für die Not anderer Leute hatte, erklärte, da müsse geholfen
werden. Gleich am nächsten Morgen wolle sie zu Herrn B. gehen, der
kenne alle Wohnungen der Stadt, der müsse Rat schaffen. So ging
Fräulein A. zu Herrn B. und dieser wieder zu Frau C., und als die Sache
noch ein Stück weiter durchs Alphabet gelaufen war, kam eines
Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte nach dem Musiklehrer
Pfäffling und sagte dem Dienstmädchen, er habe eine Wohnung
anzubieten. Herr Pfäffling gab eben in seinem Zimmer Geigstunde,
während am andern Ende der Wohnung einer seiner Jungen Klavier
übte, und zwischen darin saßen die Zwillinge und sangen so laut sie
konnten darauf los, weil sie die zweierlei Musik übertönen wollten.
Frau Pfäffling hatte in der Küche die Frage wegen der Wohnung
vernommen und hätte sie nur gekonnt, sie hätte heimlich alle Musik
zum Schweigen gebracht; aber da führte ihr das Mädchen schon den
Herrn her und weil auch gerade die andern Kinder über den Gang
sprangen, so konnte man kaum das eigene Wort verstehen. Die Mutter
führte Herrn Hartwig ins Zimmer und im Vorbeigehen faßte sie einen
ihrer Jungen und flüsterte ihm zu: »Es ist ein Hausherr da, rufe den
Vater, und mache, daß man euch nicht so hört.«
Das wirkte; die Kinder wußten ja, um was es sich handelte. »Ein
Hausherr,« so ging's von Mund zu Mund; alle Musik, aller Lärm
verstummte, auf den Zehen schlichen sich die Kinder hinaus, lautlos
wurden die Türen geschlossen, eine ungewohnte Stille herrschte im
Haus. Herr und Frau Pfäffling waren allein mit dem Schreinermeister
Hartwig. »Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,« sagte
dieser, »so möchte ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, draußen
in der Frühlingsstraße. Platz genug gäbe es da, und es schadet auch
nichts, daß Sie zehn Kinder haben.«
»Sieben, sieben, bloß sieben,« riefen die beiden Eltern wie aus einem
Mund.
»Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat sich halt so
herumgesprochen in der Stadt und darüber haben sich die Kinder
vermehrt. Es ist ein großer Holzplatz am Haus, da können sich die
Kinder tummeln. Und was den Mietzins betrifft, da werden wir uns
schon einigen. Bei uns ist's nämlich so: Mich hat noch nie ein Lärm
gestört, und meine Frau, die hat die Liebhaberei Gutes zu tun, wie eben
jeder Mensch so seine Liebhaberei hat. Darum sagt sie: Eine gute
Mietpartei nehmen ist keine Kunst, aber eine schlechte Mietpartei
aufsuchen, das ist christlich.«
Der »schlechten Mietpartei« klangen diese Worte wie Musik, und nach
fünf Minuten schon war Pfäffling mit dem freundlichen Hausherrn
unterwegs in die Frühlingsstraße und ließ sich von der Hausfrau mit der
christlichen Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen
und ohne Schriftstück, mit freundlichem Handschlag wurde der
Mietvertrag zu billigem Preis abgeschlossen. Fröhlichen Herzens ging
unser Musiklehrer von der Frühlingsstraße in die Hintere Katzengasse,
freute sich, als er schon von ferne den Seifengeruch in die Nase bekam,
und teilte dem Seifensieder mit, daß er sich zu einer andern Wohnung
entschlossen habe. Dann vorbei an der Buchhandlung, wo er zum
zweitenmal die Karte vom Fichtelgebirge verlangte, und nun heim zur
begeisterten Schilderung der künftigen Wohnung in der
Frühlingsstraße.
Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder hörte zufällig
nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika im Hof war, und
niemand dachte daran, daß er die Neuigkeit nicht erfahren hatte. Er
wunderte

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