von Westen nach Osten;
das ist wohl ein gutes Zeichen?"-- "Wienach du's aufnimmst, je
nachdem du dich beträgst", versetzte jener; "jetzt mische dich unter sie,
wie sie sich mischen." Er gab ein Zeichen, die Kinder verließen ihre
Stellung, ergriffen ihre Beschäftigung oder spielten wie vorher.
"Mögen und können Sie mir", sagte Wilhelm darauf, "das, was mich
hier in Verwunderung setzt, erklären? Ich sehe wohl, daß diese
Gebärden, diese Stellungen Grüße sind, womit man Sie empfängt.
"--"Ganz richtig", versetzte jener, "Grüße, die mir sogleich andeuten,
auf welcher Stufe der Bildung ein jeder dieser Knaben steht."
"Dürfen Sie mir aber", versetzte Wilhelm, "die Bedeutung des
Stufengangs wohl erklären? denn daß es einer sei, läßt sich wohl
einsehen."-- "Die gebührt Höheren, als ich bin", antwortete jener; "so
viel aber kann ich versichern, daß es nicht leere Grimassen sind, daß
vielmehr den Kindern zwar nicht die höchste, aber doch eine leitende,
faßliche Bedeutung überliefert wird; zugleich aber ist jedem geboten,
für sich zu behalten und zu hegen, was man ihm als Bescheid zu
erteilen für gut findet; sie dürfen weder mit Fremden noch unter
einander selbst darüber schwatzen, und so modifiziert sich die Lehre
hundertfältig. Außerdem hat das Geheimnis sehr große Vorteile: denn
wenn man dem Menschen gleich und immer sagt, worauf alles
ankommt, so denkt er, es sei nichts dahinter. Gewissen Geheimnissen,
und wenn sie offenbar wären, muß man durch Verhüllen und
Schweigen Achtung erweisen, denn dieses wirkt auf Scham und gute
Sitten."--"Ich verstehe Sie", versetzte Wilhelm, "warum sollten wir das,
was in körperlichen Dingen so nötig ist, nicht auch geistig anwenden?
Vielleicht aber können Sie in einem andern Bezug meine Neugierde
befriedigen. Die große Mannigfaltigkeit in Schnitt und Farbe der
Kleider fällt mir auf, und doch seh' ich nicht alle Farben, aber einige in
allen ihren Abstufungen, vom Hellsten bis zum Dunkelsten. Doch
bemerke ich, daß hier keine Bezeichnung der Stufen irgendeines Alters
oder Verdienstes gemeint sein kann, indem die kleinsten und größten
Knaben untermischt so an Schnitt als Farbe gleich sein können, aber
die von gleichen Gebärden im Gewand nicht miteinander
übereinstimmen."--"Auch was dies betrifft", versetzte der Begleitende,
"darf ich mich nicht weiter auslassen; doch müßte ich mich sehr irren,
oder Sie werden über alles, wie Sie nur wünschen mögen, aufgeklärt
von uns scheiden."
Man verfolgte nunmehr die Spur des Obern, welche man gefunden zu
haben glaubte; nun aber mußte dem Fremdling notwendig auffallen,
daß, je weiter sie ins Land kamen, ein wohllautender Gesang ihnen
immer mehr entgegentönte. Was die Knaben auch begannen, bei
welcher Arbeit man sie auch fand, immer sangen sie, und zwar
schienen es Lieder jedem Geschäft besonders angemessen und in
gleichen Fällen überall dieselben. Traten mehrere Kinder zusammen, so
begleiteten sie sich wechselweise; gegen Abend fanden sich auch
Tanzende, deren Schritte durch Chöre belebt und geregelt wurden.
Felix stimmte vom Pferde herab mit ein, und zwar nicht ganz
unglücklich, Wilhelm vergnügte sich an dieser die Gegend belebenden
Unterhaltung.
"Wahrscheinlich", so sprach er zu seinem Gefährten, "wendet man
viele Sorgfalt auf solchen Unterricht, denn sonst könnte diese
Geschicklichkeit nicht so weit ausgebreitet und so vollkommen
ausgebildet sein."--"Allerdings", versetzte jener, "bei uns ist der
Gesang die erste Stufe der Bildung, alles andere schließt sich daran und
wird dadurch vermittelt. Der einfachste Genuß sowie die einfachste
Lehre werden bei uns durch Gesang belebt und eingeprägt, ja selbst
was wir überliefern von Glaubens--und Sittenbekenntnis, wird auf dem
Wege des Gesanges mitgeteilt; andere Vorteile zu selbsttätigen
Zwecken verschwistern sich sogleich: denn indem wir die Kinder üben,
Töne, welche sie hervorbringen, mit Zeichen auf die Tafel schreiben zu
lernen und nach Anlaß dieser Zeichen sodann in ihrer Kehle
wiederzufinden, ferner den Text darunterzufügen, so üben sie zugleich
Hand, Ohr und Auge und gelangen schneller zum Recht--und
Schönschreiben, als man denkt, und da dieses alles zuletzt nach reinen
Maßen, nach genau bestimmten Zahlen ausgeübt und nachgebildet
werden muß, so fassen sie den hohen Wert der Meß--und Rechenkunst
viel geschwinder als auf jede andere Weise. Deshalb haben wir denn
unter allem Denkbaren die Musik zum Element unserer Erziehung
gewählt, denn von ihr laufen gleichgebahnte Wege nach allen Seiten."
Wilhelm suchte sich noch weiter zu unterrichten und verbarg seine
Verwunderung nicht, daß er gar keine Instrumentalmusik vernehme.
"Diese wird bei uns nicht vernachlässigt", versetzte jener, "aber in
einen besondern Bezirk, in das anmutigste Bergtal, eingeschlossen
geübt; und da ist denn wieder dafür gesorgt, daß die verschiedenen
Instrumente in auseinanderliegenden Ortschaften gelehrt werden.
Besonders die Mißtöne der Anfänger sind in gewisse Einsiedeleien
verwiesen, wo sie niemand zur Verzweiflung bringen: denn Ihr werdet
selbst gestehen, daß in der wohleingerichteten bürgerlichen
Gesellschaft kaum ein trauriger Leiden zu dulden sei, als das uns die
Nachbarschaft eines angehenden Flöten--oder Violinenspielers
aufdringt.
Unsere Anfänger gehen, aus eigener löblicher Gesinnung, niemand
lästig sein zu wollen, freiwillig länger oder kürzer in die Wüste und
beeifern sich, abgesondert, um das Verdienst, der bewohnten Welt
nähertreten zu dürfen,

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