Von Haparanda bis San Francisco | Page 7

Ernst Wasserzieher
Stillen Ocean. Auch
mich ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers
mit meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft
hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen
durch den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht
am Meer; vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung
und die kleinen felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen
umherrutschen und ihr wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen
unter dem Schutze der Stadt und dürfen nicht geschossen werden.
Rechts sieht man die Schiffe aus dem Goldenen Thor majestätisch ins
offene Meer hinaussegeln.--
Die nächsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswürdigkeiten der
Stadt in Augenschein zu nehmen. Nächst dem Chinesentheater
interessiert vor allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen,
welches auch den zu fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London
kennt. An Größe, Schönheit der Umgebung und Buntheit und
Mannigfaltigkeit der Nationalitäten übertrifft der Hafen der
californischen Seestadt die der drei genannten.
Die Umgegend von San Francisco ladet zu häufigen Ausflügen ein.
Man bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung
kaum den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York)
nachstehen. Da ist z.B. Saucelito, wie ein Stück Thüringen an das
Gestade des Stillen Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen,
ebenfalls am Golf, leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade
gegenüber San Francisco, am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und
nördlicher Berkeley mit der Staatsuniversität für Californien, welche in
einem Park am Fuße eines Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das
Goldene Thor. Ein ganz herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein
Badeort mit Schwefelquellen, weiter im Innern nach Osten zu, in zwei

Stunden (abwechselnd mit Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu
erreichen, durch Feld und Wald und durch anmutige Ortschaften mit
blühenden Palmen und Rosen. Von dem hochgelegenen Piedmont
Springs eröffnet sich ein Ausblick auf das gesegnete Land, mitten darin
wie ein blaues Auge der See Meritt, und in der Ferne schimmert die Bai
mit der Stadt auf den sieben Hügeln.
Bald waren alle diese Punkte und andere öfter als einmal genossen; der
Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswürdigkeit meines
Onkels sollte ich auch die nördlicher gelegenen Striche Californiens
mit den Urwäldern und Geysers kennen lernen, während ich
Süd-Californien von der Mündung des Colorado bis nach San
Francisco hinauf auf meiner Reise vom Mississippi nach dem Westen,
wenn auch nur im Fluge, gesehen hatte. Eine meinem Onkel
befreundete Firma, welche in San Francisco eine Cigarrenkistenfabrik
mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich ein, ihre in Humboldt
County, dem nördlichsten County des Staates, und in Sonoma County
gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys läßt die Firma
das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als
Cigarrenkistenholz für minderwertige Sorten gebraucht wird; dort
haben sie 2 Schneidemühlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stämme
zersägen und von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per
Bahn nach San Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben
an den Aufseher in Sonoma County versehen, unternahm ich den
Ausflug mit dem frohen Gefühl, daß er mir nicht wie in Deutschland
verregnen könne; denn ein ewig blauer Himmel lacht bekanntlich im
Sommer über Californien. Man durchfährt den nördlichen Teil der über
50 Kilometer langen Bai, läßt das Goldene Thor links liegen und geht
nach einstündiger Dampferfahrt auf die Eisenbahn über. Drei Stunden
braust der Zug durch die freundlichen Thäler der Küstengebirge, mit
viel Weinbau, zuletzt im Thal des Russian River, der seinen Namen
von früheren russischen Ansiedelungen führt. Zur Mittagszeit kam ich,
nachdem ich zuletzt eine sehr primitive Seitenbahn, meist nur für den
Holztransport gebaut, benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im
einsamen Waldthal liegt, welches mich an das unserer Schwarza
erinnerte. Im unmittelbaren Umkreise der Mühle ist der Wald
verschwunden, und es stehen nur noch die schwarzen Stümpfe der

Riesenbäume, etwa 3 Meter über dem Erdboden abgesägt. Damit der
Baum nicht wieder ausschlägt, wird der Stumpf äußerlich verkohlt und
steht noch manches Jahr da, während um ihn herum der Wein grünt; ein
wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen wüßte. Immer
weiter greift die Zerstörung des Waldes, die hier, wie fast überall in
Amerika, mit der größten Sorglosigkeit betrieben wird. Sequoia
gigantea und sempervirens, aus denen er hauptsächlich besteht, wird
80-120 Meter hoch, wächst kerzengerade, mit einem Durchmesser von
2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nähe des vielbesuchten
Yosémité-Thales (Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen,
"Wawona", der einen Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine
Höhlung, durch welche die 4 und 6spännige Postkutsche fährt.
Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mühle,
abgegeben hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen
Mittagsmahle der Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen
Köchen, die die Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte.
Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station
(eine Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem
nicht so bedeutend ist als sie scheint), wofür sie 11-12
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