1882/83 in
einem solchen. Es war nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau
mit drei Zimmern im Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man
den Mississippi sehen konnte. Ein Garten und daran schließende Felder
umgeben das einsam liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte
eine Thür nach dem Garten, die nur mit einem Holzpflock
verschließbar war.
Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war
manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett
stehenden Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten
wir Holz, das wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km
entfernten Walde holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört
man auf, Steuern darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate
anheim.
Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum
Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen
Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach
dessen Buche "Voyage en Icarie", in dem in Romanform die
Grundsätze des Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise
entwickelt werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in
Nauvoo an, kauften die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre
Zwecke umzubauen, als ein Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie
gaben die "Revue Icarienne" halb in englischer, halb in französischer
Sprache heraus und lebten in völliger Gütergemeinschaft etwa zehn
Jahre lang. Dann ging die Kolonie auseinander, weil Cabet gleich Cäsar
"voll Herrschsucht war"; ein Teil führte in Adams County im Staate
Iowa das kommunistische Leben weiter; andere blieben in Nauvoo, wo
sie jetzt noch leben und mit den Deutschen, Engländern und Irländern
zusammen Acker- und Weinbau treiben.
Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen.
Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt
gewöhnlich die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den
deutschen Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden,
weil dann die Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch
passiv beteiligen könnten. Von den englischen Stücken ist mir
erinnerlich "Schinderhannes, the Robber of the Rhine", von den
deutschen "Papa hat's erlaubt" von Putlitz. Es ist für einen Franzosen in
hohem Grade anerkennenswert, drei Sprachen so zu beherrschen, um
darin erträglich zu agieren; umsomehr für einen Schuster, wie Herr
Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt gut Violine und liebt
die deutsche Musik.
Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung
ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen
im Kriegsjahre 1870/71.
Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall,
besser als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der
Deutsche sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider,
letzteres mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein
contrée und spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie
weit die Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine
eigene Abhandlung erfordern.
Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der
Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht.
Halb im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer
Independant, sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen,
die Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das
klingt befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die
Hauptstädte der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos
in das geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große
Chicago Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht
das riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere,
aber zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien,
sondern das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem
Grundsatze zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten
Staaten; damals hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen,
nachdem sich das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach
Westen ausgedehnt hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach
Westen verschoben werden. Ueber den Mississippi, die
Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die Unionshauptstadt kaum gerückt
werden. Eine am Vater der Ströme gelegene Großstadt, wie Sant Louis,
würde sich aus Mangel an Platz für die zu erbauenden Ministerien und
sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der vielen Fabriken und
der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht eignen. Nauvoo hat
eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache ist, Raum,
unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union leicht zu
erreichen, während Washington für die Senatoren und Repräsentanten
des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine sechstägige
ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die
Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich
vermindern.
Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich,
daß die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung
gehen werden.
FUSSNOTEN:
[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden
folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten
Tagebuch.
[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort
Madison, wo ich ihn sah.
[4] Siehe das Titelbild
IV.
Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers.
Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist
das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am
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