Shakespeare und die Bacon-Mythen | Page 8

Kuno Fischer
301 ff.]
2. Der Schlu? der drei Taugenichtse.
Hier ist nun die für die ganze Bacon-Theorie so charakteristische Schlu?art, da? sie eine n?here Beleuchtung verdient.
Anthony und Antonio haben denselben Namen, also ist Anthony gleich Antonio; Sympson und Shylock sind beide Wucherer, also ist Sympson gleich Shylock; Bacon wird verhaftet, der Kaufmann von Venedig wird auch verhaftet, also ist Bacon der Kaufmann von Venedig. Da aber Anthony schon Antonio ist und au?erdem mit dem ganzen Handel nichts zu thun hat, so ist Bacon nicht Antonio, sondern mu? Bassanio sein, der aber nicht verhaftet wird, und so dreht sich die Sache im sinnlosen Kreise. [Fu?note: Ebendaselbst S. 302.]
Diese Art zu schlie?en ist bekanntlich eine der allerverp?ntesten. Die Logiker nach Aristoteles nennen sie den positiven Schlu? in der zweiten Figur. Um aber nicht schulm??ig zu reden, erlaube ich mir, dieselbe Sache etwas anschaulicher und concreter zu bezeichnen. Ich erinnere mich, da? eines unsrer lustigen Bl?tter einmal zum Spa? drei Taugenichtse beweisen lassen wollte, da? sie gute Leute seien; ihr Beweis lautete: "Aller guten Dinge sind drei, wir sind unser drei, also sind wir gute Dinge".
Ich will diesen Schlu?, um die Schulsprache zu vermeiden, den der drei Taugenichtse nennen, indem ich den Ausdruck lediglich im logischen und bildlichen, keineswegs aber im moralischen Sinne gebrauche. Doch mu? ich hinzufügen, da? nicht blos in dem angefügten Falle, sondern durchg?ngig die gesammte Bacon-Theorie sich die Fa?on dieses verp?nten Schlusses angeeignet hat: es ist gleichsam der Tact, nach welchem sie marschirt.
3. Bacon als Othello.
In seinem Testament vom Jahre 1621 hatte Bacon seine Frau reichlich bedacht, auch in dem sp?teren Testamente vom December 1625 diese günstigen Bestimmungen wiederholt, aber nachtr?glich widerrufen aus gerechten und schwerwiegenden Gründen (_for just and great causes_). Der Grund war die inzwischen entdeckte Untreue der Frau. Hier haben einige Baconianer das Motiv zum Othello gewittert. Freilich erschien dieser 1622, w?hrend die Enterbung vom December 1625 datirt; freilich war der Othello schon gedichtet und aufgeführt, ehe Bacon geheirathet hat, aber das thut den Rechnungen der Mrs. Henry Pott keinen Eintrag.
4. Bacon als Katharina von Aragonien, Wolsey und andere gefallene Gr??en.
Bacon habe seinen Sturz, der ihm bekanntlich zur Schuld und Schande gereicht hat, "still und stolz" ertragen und diese Gesinnungsart in Personen wie Katharina von Aragonien, Buckingham, Wolsey u. a. dramatisch dargestellt.
In Wahrheit hat Bacon seine Richter um Barmherzigkeit angefleht und sich ein gebrochenes Rohr genannt: das war nicht "stolz". In Wahrheit ist er nicht müde geworden, um seine volle Wiederherstellung zu bitten: das war nicht "still". "Still und stolz!" Das klingt ja fast wie "edle Einfalt" und "stille Gr??e", wie Winckelmann die griechischen Kunstwerke charakterisirt hat. [Fu?note: Ebendaselbst S. 298-300.]
VI. DIE DRITTE ART DER BACON-MYTHEN.
1. Bacon als Verfasser des Promus.
In einer Sammlung von Manuscripten, die im Brittischen Museum aufbewahrt werden, finden sich etwa 50 Folioseiten unter dem Titel "Vorrath musterhafter und anmuthiger Redewendungen (_Promus of formularies and elegancies_)", in Gruppen gesondert, als da sind Begrü?ungsformen, Gleichnisse, Metaphern, Sprichw?rter &c. Ein Theil dieses Promus ist nach Speddings Ansicht, der dem Ganzen keinen irgendwie bedeutsamen Werth zuschreibt, von Bacons Hand, weshalb er einige wenige Auszüge daraus in seine Gesammtausgabe der Werke aufgenommen hat. Dies geschah schon 1861. [Fu?note: Works VII, p. 187-213.]
Einige Jahrzehnte sp?ter hat eine englische Dame, Mrs. Henry Pott, den Promus vollst?ndig herausgegeben (1883) und nach einer angeblichen Durchmusterung von mehreren tausend Büchern an 1655 Redewendungen nachweisen wollen, da? sie in der vorbaconischen Litteratur nicht, in der gleichzeitigen aber nur bei Shakespeare sich finden, welche sprachgeschichtliche Behauptung von sachkundiger Seite bestritten und widerlegt worden ist. Sie hat im "Promus" die Keime zu entdecken gemeint, woraus sowohl die Sonette, als auch die Dramen Shakespeares erwachsen seien, weshalb diese Dichtungen insgesammt nicht von Shakespeare, sondern nur von Bacon herrühren k?nnen. Diesen Beweis der Bacon-Theorie nennt sie den ersten aus einleuchtenden inneren Gründen (_internal evidence_). [Fu?note: _The promus of formularies and elegancies [being private notes, circ. 1594, hitherto unpublished] by Francis Bacon, illustrated and elucidated by passages from Shakespeare by Mrs. Henry Pott with preface by E. A. Abbot, London 1883._ Mit Appendix und Index z?hlt das Buch 658 Seiten, w?hrend Speddings Auszüge nur 13 Seiten betragen und von den auf Romeo und Julia bezogenen nichts enthalten.]
2. Der Promus als Quelle von Romeo und Julia.
Ich will nur diejenigen Bl?tter beachten, welche die Keime, gleichsam den Rohstoff und die Vorbereitung zu "Romeo und Julia" enthalten sollen und deshalb von Mrs. Henry Pott selbst für vorzüglich geeignet erkl?rt werden, ihre Ansicht zu beweisen. Mit gespannter Erwartung nehme ich die Bl?tter zur Hand, mit einer Entt?uschung ohne gleichen lege ich sie beiseite.
Da steht: "guten Morgen", "guten Abend", "gute Nacht", "Amen", "der Hahn," "die Lerche", ein lateinischer Vers, welcher die Knaben ermahnt, früh aufzustehen, aber nicht umsonst, ?_mane_? nicht ?_vane_?; ein lateinischer Vers, welcher den Schlaf ein falsches Bild des eisigen Todes nennt u.s.f.
Diese Brocken sollen unter den H?nden Bacons sich in die Quellen verwandelt
Continue reading on your phone by scaning this QR Code

 / 19
Tip: The current page has been bookmarked automatically. If you wish to continue reading later, just open the Dertz Homepage, and click on the 'continue reading' link at the bottom of the page.