Laokoon | Page 5

Gotthold Ephraim Lessing
Aristoteles daselbst zwischen dem Polygnotus, Dionysius und Pauson angibt, darin setzen, da? Polygnotus G?tter und Helden, Dionysius Menschen, und Pauson Tiere gemalt habe. Sie malten allesamt menschliche Figuren; und da? Pauson einmal ein Pferd malte, beweiset noch nicht, da? er ein Tiermaler gewesen, wofür ihn Herr Boden h?lt. Ihren Rang bestimmten die Grade des Sch?nen, die sie ihren menschlichen Figuren gaben, und Dionysius konnte nur deswegen nichts als Menschen malen, und hie? nur darum vor allen andern der Anthropograph, weil er der Natur zu sklavisch folgte, und sich nicht bis zum Ideal erheben konnte, unter welchem G?tter und Helden zu malen, ein Religionsverbrechen gewesen w?re.}
{3. Aristophanes Plut. v. 602. et Acharnens. v. 854.}
{4. Plinius lib. XXXV. sect. 37. Edit. Hard.}
Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerksamkeit nicht für unwürdig, den Künstler mit Gewalt in seiner wahren Sph?re zu erhalten. Das Gesetz der Thebaner, welches ihm die Nachahmung ins Sch?nere befahl und die Nachahmung ins H??lichere bei Strafe verbot, ist bekannt. Es war kein Gesetz wider den Stümper, wofür es gemeiniglich, und selbst vom Junius 5), gehalten wird. Es verdammte die griechischen Ghezzi; den unwürdigen Kunstgriff, die ?hnlichkeit durch übertreibung der h??lichem Teile des Urbildes zu erreichen; mit einem Worte, die Karikatur.
{5. De pictura vet. lib. II. cap. IV. § 1.}
Aus eben dem Geist des Sch?nen war auch das Gesetz der Hellanodiken geflossen. Jeder olympische Sieger erhielt eine Statue; aber nur dem dreimaligen Sieger, ward eine ikonische gesetzet 6). Der mittelm??igen Portr?ts sollten unter den Kunstwerken nicht zu viel werden. Denn obschon auch das Portr?t ein Ideal zul??t, so mu? doch die ?hnlichkeit darüber herrschen; es ist das Ideal eines gewissen Menschen, nicht das Ideal eines Menschen überhaupt.
{6. Plinius lib. XXXIV. sect. 9.}
Wir lachen, wenn wir h?ren, da? bei den Alten auch die Künste bürgerlichen Gesetzen unterworfen gewesen. Aber wir haben nicht immer recht, wenn wir lachen. Unstreitig müssen sich die Gesetze über die Wissenschaften keine Gewalt anma?en; denn der Endzweck der Wissenschaften ist Wahrheit. Wahrheit ist der Seele notwendig; und es wird Tyrannei, ihr in Befriedigung dieses wesentlichen Bedürfnisses den geringsten Zwang anzutun. Der Endzweck der Künste hingegen ist Vergnügen; und das Vergnügen ist entbehrlich. Also darf es allerdings von dem Gesetzgeber abhangen, welche Art von Vergnügen, und in welchem Ma?e er jede Art desselben verstatten will.
Die bildenden Künste insbesondere, au?er dem unfehlbaren Einflusse, den sie auf den Charakter der Nation haben, sind einer Wirkung f?hig, welche die n?here Aufsicht des Gesetzes heischet. Erzeugten sch?ne Menschen sch?ne Bilds?ulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene zurück, und der Staat hatte sch?nen Bilds?ulen sch?ne Menschen mit zu verdanken. Bei uns scheinet sich die zarte Einbildungskraft der Mütter nur in Ungeheuern zu ?u?ern.
Aus diesem Gesichtspunkte glaube ich in gewissen alten Erz?hlungen, die man geradezu als Lügen verwirft, etwas Wahres zu erblicken. Den Müttern des Aristomenes, des Aristodamas, Alexanders des Gro?en, des Scipio, des Augustus, des Galerius, tr?umte in ihrer Schwangerschaft allen, als ob sie mit einer Schlange zu tun h?tten. Die Schlange war ein Zeichen der Gottheit 7); und die sch?nen Bilds?ulen und Gem?lde eines Bacchus, eines Apollo, eines Merkurius, eines Herkules, waren selten ohne eine Schlange. Die ehrlichen Weiber hatten des Tages ihre Augen an dem Gotte geweidet, und der verwirrende Traum erweckte das Bild des Tieres. So rette ich den Traum, und gebe die Auslegung preis, welche der Stolz ihrer S?hne und die Unversch?mtheit des Schmeichlers davon machten. Denn eine Ursache mu?te es wohl haben, warum die ehebrecherische Phantasie nur immer eine Schlange war.
{7. Man irret sich, wenn man die Schlange nur für das Kennzeichen einer medizinischen Gottheit h?lt, wie Spence, Polymetis p. 132. Justinus Martyr (Apolog. II. pag. 55. Edit. Sylburg.) sagt ausdrücklich: para panti tvn nomizomenwn par' umin Jevn, ojiV sumbolon mega kai musthrion anagrajetai; und es w?re leicht eine Reihe von Monumenten anzuführen, wo die Schlange Gottheiten begleitet, welche nicht die geringste Beziehung auf die Gesundheit haben.}
Doch ich gerate aus meinem Wege. Ich wollte blo? festsetzen, da? bei den Alten die Sch?nheit das h?chste Gesetz der bildenden Künste gewesen sei.
Und dieses festgesetzt, folget notwendig, da? alles andere, worauf sich die bildenden Künste zugleich mit erstrecken k?nnen, wenn es sich mit der Sch?nheit nicht vertr?gt, ihr g?nzlich weichen, und wenn es sich mit ihr vertr?gt, ihr wenigstens untergeordnet sein müssen.
Ich will bei dem Ausdrucke stehen bleiben. Es gibt Leidenschaften und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die h??lichsten Verzerrungen ?u?ern, und den ganzen K?rper in so gewaltsame Stellungen setzen, da? alle die sch?nen Linien, die ihn in einem ruhigern Stande umschreiben, verloren gehen. Dieser enthielten sich also die alten Künstler entweder ganz und gar, oder setzten sie auf geringere Grade herunter, in welchen sie eines Ma?es von Sch?nheit f?hig sind.
Wut und Verzweiflung sch?ndete keines von ihren Werken. Ich darf behaupten, da? sie nie eine Furie gebildet haben 8).
{8. Man gehe alle die Kunstwerke durch, deren Plinius
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