Kritik der reinen Vernunft (2nd edition) | Page 3

Immanuel Kant
meiner
literarischen Bestimmung, und bin mit der tiefsten Verehrung
Ew. Exzellenz untertänig gehorsamster Diener Königsberg den 23sten
April 1787 Immanuel Kant

Vorrede zur zweiten Auflage
Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte
gehören, den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das
läßt sich bald aus dem Erfolg beurteilen. Wenn sie nach viel gemachten
Anstalten und Zurüstungen, sobald es zum Zweck kommt, in Stecken
gerät, oder, um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgehen und
einen andern Weg einschlagen muß; imgleichen wenn es nicht möglich
ist, die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die gemeinschaftliche
Absicht erfolgt werden soll, einhellig zu machen: so kann man immer
überzeugt sein, daß ein solches Studium bei weitem noch nicht den
sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein bloßes
Herumtappen sei, und es ist schon ein Verdienst um die Vernunft,
diesen Weg womöglich ausfindig zu machen, sollte auch manches als
vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem ohne Überlegung
vorher genommenen Zwecke enthalten war.
Daß die Logik diesen sicheren Gang schon von den ältesten Zeiten her
gegangen sei, läßt sich daraus ersehen, daß sie seit dem Aristoteles
keinen Schritt rückwärts hat tun dürfen, wenn man ihr nicht etwa die
Wegschaffung einiger entbehrlicher Subtilitäten, oder deutlichere
Bestimmung des Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen will,

welches aber mehr zur Eleganz, als zur Sicherheit der Wissenschaft
gehört. Merkwürdig ist noch an ihr, daß sie auch bis jetzt keinen Schritt
vorwärts hat tun können, und also allem Ansehen nach geschlossen und
vollendet zu sein scheint. Denn, wenn einige Neuere sie dadurch zu
erweitern dachten, daß sie teils psychologische Kapitel von den
verschiedenen Erkenntniskräften (der Einbildungskraft, dem Witze),
teils metaphysische über den Ursprung der Erkenntnis oder der
verschiedenen Art der Gewißheit nach Verschiedenheit der Objekte
(dem Idealismus, Skeptizismus usw.), teils anthropologische von
Vorurteilen (den Ursachen derselben und Gegenmitteln) hineinschoben,
so rührt dieses von ihrer Unkunde der eigentümlichen Natur dieser
Wissenschaft her. Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der
Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen ineinander laufen läßt; die
Grenze der Logik aber ist dadurch ganz genau bestimmt, daß sie eine
Wissenschaft ist, welche nichts als die formalen Regeln alles Denkens
(es mag a priori oder empirisch sein, einen Ursprung oder Objekt haben,
welches es wolle, in unserem Gemüte zufällige oder natürliche
Hindernisse antreffen) ausführlich darlegt und strenge beweist.
Daß es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vorteil hat sie bloß ihrer
Eingeschränktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt, ja verbunden
ist, von allen Objekten der Erkenntnis und ihrem Unterschiede zu
abstrahieren, und in ihr also der Verstand es mit nichts weiter, als sich
selbst und seiner Form, zu tun hat. Weit schwerer mußte es
natürlicherweise für die Vernunft sein, den sicheren Weg der
Wissenschaft einzuschlagen, wenn sie nicht bloß mit sich selbst,
sondern auch mit Objekten zu schaffen hat; daher jene auch als
Propädeutik gleichsam nur den Vorhof der Wissenschaften ausmacht,
und wenn von Kenntnissen die Rede ist, man zwar eine Logik zur
Beurteilung derselben voraussetzt, aber die Erwerbung derselben in
eigentlich und objektiv so genannten Wissenschaften suchen muß.
Sofern in diesen nun Vernunft sein soll, so muß darin etwas a priori
erkannt werden, und ihre Erkenntnis kann auf zweierlei Art auf ihren
Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen Begriff (der
anderweitig gegeben werden muß) bloß zu bestimmen, oder ihn auch
wirklich zu machen. Die erste ist theoretische, die andere praktische

Erkenntnis der Vernunft. Von beiden muß der reine Teil, soviel oder
sowenig er auch enthalten mag, nämlich derjenige, darin Vernunft
gänzlich a priori ihr Objekt bestimmt, vorher allein vorgetragen werden,
und dasjenige, was aus anderen Quellen kommt, damit nicht vermengt
werden, denn es gibt üble Wirtschaft, wenn man blindlings ausgibt,
was einkommt, ohne nachher, wenn jene in Stecken gerät,
unterscheiden zu können, welcher Teil der Einnahme den Aufwand
tragen könne, und von welcher man denselben beschneiden muß.
Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkenntnisse der
Vernunft, welche ihre Objekte a priori bestimmen sollen, die erstere
ganz rein, die zweite wenigstens zum Teil rein, dann aber auch nach
Maßgabe anderer Erkenntnisquellen als der der Vernunft.
Die Mathematik ist von den frühesten Zeiten her, wohin die Geschichte
der menschlichen Vernunft reicht, in dem bewundernswürdigen Volke
der Griechen den sicheren Weg einer Wissenschaft gegangen. Allein
man darf nicht denken, daß es ihr so leicht geworden, wie der Logik,
wo die Vernunft es nur mit sich selbst zu tun hat, jenen königlichen
Weg zu treffen, oder vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr glaube
ich, daß es lange mit ihr (vornehmlich noch unter den Ägyptern) beim
Herumtappen geblieben ist, und diese Umänderung einer Revolution
zuzuschreiben sei, die der glückliche Einfall eines einzigen Mannes in
einem Versuche zustande brachte, von welchem an die Bahn, die man
nehmen mußte, nicht mehr zu verfehlen war, und der sichere Gang
einer Wissenschaft für alle Zeiten und in unendliche Weiten
eingeschlagen und vorgezeichnet war. Die Geschichte dieser
Revolution der
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