Das Leiden eines Knaben | Page 7

Conrad Ferdinand Meyer
Vorgänger wussten.
Der dreijährige Termin erfüllte sich, die neuen Väter kündigten die
Schuld, nach Jahresfrist konnten die Junker nicht zahlen, und es wurde
gegen sie verfahren.
Schon hatte sich das fromme Haus in den Besitz ihrer Felder gesetzt, da
gab es Lärm. Die tapfern Brüder polterten an alle Türen, auch an die
des Marschalls Boufflers, welcher sie als wackere Soldaten kannte und
schätzte. Er untersuchte den Handel mit Ernst und Gründlichkeit nach
seiner Weise. Der entscheidende Punkt war, dass die Brüder
behaupteten, von den frommen Vätern nicht allein mündliche
Beteuerungen, sondern, was sie völlig beruhigt und sorglos gemacht, zu
wiederholten Malen auch gleichlautende Briefe erhalten zu haben.
Diese Schriftstücke seien auf unerklärliche Weise verlorengegangen.
Wohl fänden sich in Briefform gefaltete Papiere mit gebrochenen,
übrigens leeren Siegeln, welche den Briefen der Väter zum
Verwundern glichen, doch diese Papiere seien unbeschrieben und
entbehren jedes Inhalts.
Dergestalt fand ich, eines Tages das Kabinett des Marschalls betretend,
denselben damit beschäftigt, in seiner genauen Weise jene blanken
Quadrate umzuwenden und mit der Lupe vorn und hinten zu betrachten.
Ich schlug ihm vor, mir die Blätter für eine Stunde anzuvertrauen, was
er mir mit ernsten Augen bewilligte.
Ihr schenktet, Sire, der Wissenschaft und mir einen botanischen Garten,
der Euch Ehre macht, und bautet mir im Grünen einen stillen Sitz für
mein Alter. Nicht weit davon, am Nordende, habe ich mir eine

geräumige chemische Küche eingerichtet, die Ihr einmal zu besuchen
mir versprachet. Dort unterwarf ich jene fragwürdigen Papiere
wirksamen und den gelehrten Vätern vielleicht noch unbekannten
Agentien. Siehe da, die erblichene Schrift trat schwarz an das Licht und
offenbarte das Schelmstück der Väter Jesuiten.
Der Marschall eilte mit den verklagenden Papieren stracks zu deiner
Majestät"--König Ludwig strich sich langsam die Stirn--"und fand dort
den Pater Lachaise, welcher aufs tiefste erstaunte über diese Verirrung
seiner Ordensbrüder in der Provinz, zugleich aber deiner Majestät
vorstellte, welche schreiende Ungerechtigkeit es wäre, die
Gedankenlosigkeit weniger oder eines einzelnen eine so zahlreiche,
wohltätige und sittenreine Gesellschaft entgelten zu lassen, und dieser
einzelne, der frühere Vorsteher jenes Hauses, habe überdies, wie er aus
verlässlichen Quellen wisse, kürzlich in Japan unter den Heiden das
Martyrium durch den Pfahl erlitten.
Wer am besten bei dieser Wendung der Dinge fuhr, das waren die vier
Junker. Die Hälfte der Schuld erliessen ihnen die verblüfften Väter, die
andere Hälfte tilgte ein Grossmütiger."
Der König, der es gewesen sein mochte, veränderte keine Miene.
"Dem Marschall dankte dann Père Lachaise insbesondere dafür, dass er
in einer bemühenden Sache die Herstellung der Wahrheit unternommen
und es seinem Orden erspart habe, sich mit ungerechtem Gute zu
belasten. Dann bat er ihn, der Edelmann den Edelmann, den Vätern
sein Wohlwollen nicht zu entziehen und ihnen das Geheimnis zu
bewahren, was sich übrigens für einen Marschall Boufflers von selbst
verstehe.
Der geschmeichelte Marschall sagte zu, wollte aber wunderlicherweise
nichts davon hören, die verräterischen Dokumente herauszugeben oder
sie zu vernichten. Es fruchtete nichts, dass Père Lachaise ihn zuerst mit
den zartesten Wendungen versuchte, dann mit den bestimmtesten
Forderungen bestürmte. Nicht dass der Marschall im geringsten daran
gedacht hätte, sich dieser gefährlichen Briefe gegen die frommen Väter
zu bedienen; aber er hatte sie einmal zu seinen Papieren gelegt, mit
deren Aufräumen und Registrieren er das Drittel seiner Zeit zubringt. In
diesem Archive, wie er es nennt, bleibt vergraben, was einmal drinnen
liegt. So schwebte kraft der Ordnungsliebe und der genauen
Gewohnheiten des Marschalls eine immerwährende Drohung über dem

Orden, die derselbe dem Unvorsichtigen nicht verzieh. Der Marschall
hatte keine Ahnung davon und glaubte mit den von ihm geschonten
Vätern auf dem besten Fusse zu stehn.
Ich war anderer Meinung und liess es an dringenden Vorstellungen
nicht fehlen. Hart setzte ich ihm zu, seinen Knaben ohne Zögerung den
Jesuiten wegzunehmen, da der verbissene Hass und der verschluckte
Groll, welchen getäuschte Habgier und entlarvte Schurkerei unfehlbar
gegen ihren Entdecker empfinden, sich notwendigerweise über den
Orden verbreiten, ein Opfer suchen und es vielleicht, ja wahrscheinlich
in seinem unschuldigen Kinde finden würden. Er sah mich verwundert
an, als ob ich irre rede und Fabeln erzähle. Geradeheraus: entweder hat
der Marschall einen kurzen Verstand, oder er wollte sein gegebenes
Wort mit Prunk und Glorie selbst auf Kosten seines Kindes halten.
'Aber, Fagon', sagte er, 'was in aller Welt hat mein Julian mit dieser in
der Provinz begegneten Geschichte zu schaffen? Wo ist da ein richtiger
Zusammenhang? Wenn ihm übrigens die Väter ein bisschen strenger
auf die Finger sehen, das kann nichts schaden. Sie haben ihn nicht übel
verhätschelt. Ihnen jetzt den Knaben wegnehmen? Das wäre unedel.
Man würde plaudern, Gründe suchen, vielleicht die unreinliche
Geschichte ausgraben, und ich stünde da als ein Wortbrüchiger.' So sah
der Marschall nur den Nimbus seiner Ehre, statt an sein Kind zu denken,
das er vielleicht, solange es lebte, noch keines eingehenden Blickes
gewürdigt hatte. Ich hätte ihn für seinen Edelmut mit dieser meiner
Krücke prügeln können.
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