"Welche ich dir gewähre", schloss der König.
Drei Köpfe rückten zusammen: der bedeutende des Arztes, das
olympische Lockenhaupt des Königs und das feine Profil seines
Weibes mit der hohen Stirn, den reizenden Linien von Nase und Mund
und dem leicht gezeichneten Doppelkinne.
"In den Tagen, da die Majestät noch den grössten ihrer Dichter besass",
begann der Leibarzt, "und dieser, während schon der Tod nach seiner
kranken Brust zielte, sich belustigte, denselben auf der Bühne
nachzuäffen, wurde das Meisterstück 'Der Kranke in der Einbildung'
auch vor der Majestät hier in Versailles aufgeführt. Ich, der ich sonst
eine würdige mit Homer oder Virgil verlebte Stunde und den
Wellenschlag einer antiken Dichtung unter gestirntem Himmel den
grellen Lampen und den verzerrten Gesichtern der auf die Bühne
gebrachten Gegenwart vorziehe, ich durfte doch nicht wegbleiben, da
wo mein Stand verspottet und vielleicht, wer wusste, ich selbst und
meine Krücke"--er hob sein Bambusrohr, auf welches er auch sitzend
sich zu stützen fortfuhr--, "abbildlich zu sehen waren. Es geschah nicht.
Aber hätte Molière mich in einer seiner Possen verewigt, wahrlich, ich
hätte es dem nicht verargen können, der sein eigenes schmerzlichstes
Empfinden komisch betrachtet und verkörpert hat. Diese letzten Stücke
Molières, nichts geht darüber! Das ist die souveräne Komödie, welche
freilich nicht nur das Verkehrte, sondern in grausamer Lust auch das
Menschlichste in ein höhnisches Licht rückt, dass es zu grinsen beginnt.
Zum Beispiel, was ist verzeihlicher, als dass ein Vater auf sein Kind
sich etwas einbilde, etwas eitel auf die Vorzüge und etwas blind für die
Schwächen seines eigenen Fleisches und Blutes sei? Lächerlich freilich
ist es und fordert den Spott heraus. So lobt denn auch im 'Kranken in
der Einbildung' der alberne Diaforius seinen noch alberneren Sohn
Thomas, einen vollständigen Dummkopf Doch die Majestät kennt die
Stelle."
"Mache mir das Vergnügen, Fagon, und rezitiere sie mir", sagte der
König, welcher, seit Familienverluste und schwere öffentliche Unfälle
sein Leben ernst gemacht, sich der komischen Muse zu enthalten
pflegte, dem die Lachmuskeln aber unwillkürlich zuckten in
Erinnerung des guten Gesellen, den er einst gern um sich gelitten und
an dessen Masken er sich ergötzt hatte.
"'Es ist nicht darum'", spielte Fagon den Doctor Diaforius, dessen Rolle
er seltsamerweise auswendig wusste, "'weil ich der Vater bin, aber ich
darf sagen, ich habe Grund, mit diesem meinem Sohne zufrieden zu
sein, und alle, die ihn sehen, sprechen von ihm als von einem Jüngling
ohne Falsch. Er hat nie eine sehr tätige Einbildungskraft, noch jenes
Feuer besessen, welches man an einigen wahrnimmt. Als er klein war,
ist er nie, was man so heisst, aufgeweckt und mutwillig gewesen. Man
sah ihn immer sanft, friedselig und schweigsam. Er sprach nie ein Wort
und beteiligte sich niemals an den sogenannten Knabenspielen. Man
hatte schwere Mühe, ihn lesen zu lehren, und mit neun Jahren kannte er
seine Buchstaben noch nicht. Gut', sprach ich zu mir, 'die späten Bäume
tragen die besten Früchte, es gräbt sich in den Marmor schwerer als in
den Sand'... und so fort. Dieser langsam geträufelte Spott wurde dann
auf der Bühne zum gründlichen Hohn durch das unsäglich einfältige
Gesicht des Belobten und zum unwiderstehlichen Gelächter in den
Mienen der Zuschauer. Unter diesen fand mein Auge eine blonde Frau
von rührender Schönheit und beschäftigte sich mit den langsam
wechselnden Ausdrücken dieser einfachen Züge; zuerst demjenigen der
Freude über die gerechte Belobung eines schwer, aber fleissig
lernenden Kindes, so unvorteilhaft der Jüngling auf der Bühne sich
ausnehmen mochte, dann dem andern Ausdrucke einer traurigen
Enttäuschung, da die Schauende, ohne jedoch recht zu begreifen, inne
wurde, dass der Dichter, der es mit seinen schlichten Worten ernst zu
meinen schien, eigentlich nur seinen blutigen Spott hatte mit der
väterlichen Selbstverblendung. Freilich hatte Molière, der grossartige
Spötter, alles so naturwahr und sachlich dargestellt, dass mit ihm nicht
zu zürnen war. Eine lange und mühsam verhaltene, tief schmerzliche
Träne rollte endlich über die zarte Wange des bekümmerten Weibes.
Ich wusste nun, dass sie Mutter war und einen unbegabten Sohn hatte.
Das ergab sich für mich aus dem Geschauten und Beobachteten mit
mathematischer Gewissheit.
Es war die erste Frau des Marschalls Boufflers."
"Auch wenn du sie nicht genannt hättest, Fagon, ich erkannte aus
deiner Schilderung meine süsse Blondine", seufzte die Marquise. "Sie
war ein Wunder der Unschuld und Herzenseinfalt, ohne Arg und Falsch,
ja ohne den Begriff der List und Lüge.
Die Freundschaft der zwei Frauen, welche der Marquise einen so
rührenden Eindruck hinterliess, war eine wahre und für beide Teile
wohltätige gewesen. Frau von Maintenon hatte nämlich in den langen
und schweren Jahren ihres Emporkommens, da die still Ehrgeizige mit
zähester Schmiegsamkeit und geduldigster Konsequenz, immer heiter,
überall dienstfertig, sich einen König und den grössten König der Zeit
eroberte, mit ihren klugen Augen die arglose Vornehme von den andern
ihr missgünstigen und feindseligen Hofweibern unterschieden und sie
mit ein paar herzlichen Worten und zutulichen Gefälligkeiten an sich

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