Von Haparanda bis San Francisco | Page 9

Ernst Wasserzieher
ihm für Geld und gute Worte ein Grab gräbt.
In offenem, vierspännigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch
hochromantische Thäler; links ragt die Felswand, rechts droht der
Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraßen
ist der Weg schauderhaft und so schmal, daß der Wagen zur Not
ausbiegen kann--es kam übrigens auf der langen Strecke nur einmal
vor--; Prellsteine existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit
rasender Geschwindigkeit umfahren, so daß die hinten sitzenden
Passagiere die beiden vorderen Pferde nicht mehr sehen, während der
Wagen noch diesseits der Felskante herumschlürft.
Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmächtig, und auch
weniger angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den
Rosselenker, der freudig die lange Peitsche über dem Viergespann
schwingt, bald auf den gähnenden Abgrund, bald auf die sausenden
Wagenräder, die sehr solide gebaut sein müssen, um die Stöße
auszuhalten. Einer der Passagiere, ein Illinoiser Farmer, der einen
Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte, erwiderte, befragt, weshalb
er nicht den Seeweg von San Francisco aus gewählt: es käme auf eins
heraus, ob er ertränke oder den Hals bräche. Selten genug kommt ein
Unglücksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr Handwerk zu gut; ab
und zu geschieht es dennoch, und wir passierten nicht ohne Schauder
die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen hinabgestürzt war, die
Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch einen glücklichen Zufall
an irgend einen Vorsprung oder Gebüsch hängen geblieben und mit
gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren.
Nach 4stündiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tüchtig
durchgerüttelt und gänzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem
großen hölzernen Hotel mit Schwefelbädern, in prachtvollem
Thalkessel gelegen. Abends lagen wir alle, eine große Gesellschaft
Damen und Herren, in Schaukelstühlen (andre waren nicht vorhanden)
auf der Veranda. Aus dem Saale tönte Klaviergeklimper, und alsbald
wurde getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer
Maler, der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann
aus Oakland und einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen

Sehnsucht nach Paris und München ging, legte eine Probe seiner Kunst
ab, indem er einen Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht
nach meiner Meinung; der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach,
erzählte von seinen Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten
suchte ich, selbst noch ein halber Student, einen Begriff von deutschem
Universitätsleben beizubringen, was mir indes nicht gelang.
Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch
Neger bedient, von denen einer--seltene Erscheinung!--durch seine
Schönheit auffiel; diese entging den weißen Ladies nicht, und kokette
Blicke flogen hinüber und herüber. Ueberhaupt herrschte ein
merkwürdig freier Ton in der sonst so steifen amerikanischen
Gesellschaft, vielleicht hervorgerufen durch das Gefühl, dem lästigen
Stadtceremoniell einmal entronnen zu sein.
Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in
amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man
nun daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts
haben.
An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft
mit einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um
die Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der
Boden schwankt unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik.
Ueberall an den Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich.
An vielen Stellen dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor.
"Des Teufels Tintenfaß", "der Hölle Badeanstalt" und andre, mehr oder
weniger passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der
Führer mit dem Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes
Loch hielt, fuhr schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph
die Gesellschaft auf, mit den Geysers im Hintergrunde.
--Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der
Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren
waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf
eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu
stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei,
eine Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und

streckte uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd
entgegen, indem sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der
Kutscher zerhieb sie mit der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und
gab mir die Klapper zum Andenken.
Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa
1200 Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden
Elefanten hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4
Stunden mit Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San
Francisco.

V.
Ekensund.
Ein Land- und See-Mosaikbild.
Um in dem überreichen Material, das mir über Ekensund zu Gebote
steht (nach fünfwöchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und
herzusteuern oder gar zu versinken, wäre es wohl angebracht, eine Art
Disposition zu entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu
thun pflegte. Allein ich fürchte, mein Aufsatz bekäme dann einen
Anflug von Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist
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