Die Versuchung des Pescara | Page 4

Conrad Ferdinand Meyer
mit Eile betriebenen Festungsarbeiten verschlungen hatten. "Wie viele Schwei?tropfen meiner armen hungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verh?ngnisvollen Zahl zu entrinnen, lie? er die melancholischen Augen ��ber die W?nde laufen, die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren.
Links von der T��r hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischen Gesinde, und rechts war als Gegenst��ck die Speisung in der W��ste behandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden Hand. Oben auf der H?he, klein und kaum sichtbar, sa? der g?ttliche Wirt, w?hrend sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaft ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht ��bel einer Mittag haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alle Geb?rden eines gesunden Appetites versinnlichte.
Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seines Kanzlers fielen auf ein sch?kerndes M?dchen, das, einen gro?en Korb am Arme, wohl um die ��berbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem neben ihr gelagerten J��ngling umfangen und einen ger?steten Fisch zwischen das blendend blanke Gebi? schieben lie?. "Die da wenigstens verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen.
Ein tr��bes L?cheln bildete und verfl��chtigte sich auf dem feinen Munde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf den Gegenstand seiner Sorge zur��ck. "Das ist ein schlechtes Gesch?ft! Pescara, der gro?e Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dann noch die Kriegskosten aufhalsen. H?re, Girolamo", und er richtete seinen binsenschlanken K?rper in die H?he, "la? mich weg aus deinen geheimen B��ndnissen und Artikeln, du unerm��dlicher Zettler! Ich will nichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde, du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser vers��ndigen: er ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen h?llischen Spaniern schinden lassen, als da? mich meine neuen Bundesgenossen voranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender lie? er sich, die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten und rief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwester des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der gro?e Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest."
Der Kanzler brach in ein z��gelloses Gel?chter aus.
"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten D?chern herabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die F��?e zu stehen! Ich aber gehe in St��cke! Ich und mein Herzogtum verfl��chtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt. Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit den Lilien! O die b?se Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! Dem Papste traut man nicht ��ber den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er ist ein Medici! Marcus aber, mein nat��rlicher Feind und Nachbar, ist der ruchloseste aller Heiligen. Und nun gar Frankreich, das mir den Vater in einem Kerkerloche verwesen lie? und den armen Bruder Max, den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die beweglichen Z��ge des f��rstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und ausl?schen. Eine Tr?ne rann ��ber seine magere Wange.
Der Kanzler streichelte sie ihm v?terlich. "Sei nicht unklug, Fr?nzchen", tr?stete er. "Ich h?tte den Max verraten? Keineswegs. Es war die Logik der Dinge, da? er sich gab nach der Zermalmung der Schweizer. Ich habe seine Rente mit K?nig Franz vereinbart und noch um ein Gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, da? ich es redlich mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir, der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg, um von hinnen zu ziehen, hat er, schon im B��gel, noch Weisheit geredet. 'Ich segne den Himmel', sprach er, 'da? ich in Zukunft nichts mehr zu schaffen habe mit den groben F?usten der Schweizer, den langen Fingern des Kaisers'--er meinte die hochselige Majest?t, Fr?nzchen--'und den spanischen Meuchlerh?nden.' Auch hatte der Max gar nicht das Zeug, einen italienischen F��rsten darzustellen, plump und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere Erscheinung, Fr?nzchen. Du hast etwas F��rstliches, wenn du dich aufrecht h?ltst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst mit den Jahren noch der kl��gste und gl��cklichste F��rst in Italien werden."
Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd. "Wenn du mich nicht vorher verkaufst und mein Leibgeding' in die H?he marktest", l?chelte er.
Morone, der jetzt in seinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm stand, entgegnete z?rtlich: "Mein holdseliges Fr?nzchen! Dir tue ich nichts zuleide. Du wei?t ja, da? du mir ins Herz gewachsen bist. Du bleibst der Herzog von Mailand, so wahr ich der Morone bin. Aber du mu?t dich h��bsch belehren und ��berzeugen lassen, was zu deinem Besten dient."
"Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben f��r deine neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht emp?ren gegen meinen Lehnsherrn! Das ist s��ndhaft und gef?hrlich."
Schnellen Geistes w?hlte der Kanzler unter den Truggestalten und Blendwerken, ��ber welche seine Einbildungskraft gebot, eine hinreichend wahrscheinliche
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