Belagerung von Mainz | Page 5

Johann Wolfgang von Goethe
deutlicher gesehen zu werden. Wir blieben auf dem Flecke halten, bis da? sie vor��ber waren, denn von da aus konnten wir wenigstens nach der Stelle hinsehen, wo sie im Finstern wirken und arbeiten sollten. Da dergleichen Unternehmungen immer in Gefahr sind, dem Feind verraten zu werden, so konnte man erwarten, da? von den W?llen aus auf diese Gegend, und wenn auch nur auf gut Gl��ck, gefeuert werden w��rde. Allein in dieser Erwartung blieb man nicht lange, denn gerade an der Stelle, wo die Tranchee angefangen werden sollte, ging auf einmal Kleingewehrfeuer los, allen unbegreiflich. Sollten die Franzosen sich herausgeschlichen, bis an oder gar ��ber unsere Vorposten herangewagt haben? Wir begriffen es nicht. Das Feuern h?rte auf, und alles versank in die allertiefste Stille. Erst den andern Morgen wurden wir aufgekl?rt, da? unsere Vorposten selbst auf die still heranziehende Kolonne wie auf eine feindliche gefeuert hatten; diese stutzte, verwirrte sich, jeder warf seine Faschine weg, Schaufeln und Hacken wurden allenfalls gerettet; die Franzosen, auf den W?llen aufmerksam gemacht, waren auf ihrer Hut, man kam unverrichteter Sache zur��ck, die s?mtliche Belagerungsarmee war in Best��rzung.
Den 17. Juni. Die Franzosen errichten eine Batterie an der Chaussee. Nachts entsetzlicher Regen und Sturm.
Den 18. Juni. Als man die neulich mi?gl��ckte Er?ffnung der Tranchee unter den Sachverst?ndigen besprach, wollte sich finden, da? man viel zu weit von der Festung mit der Anlage geblieben sei; man beschlo? daher sogleich, die dritte Parallele n?her zu r��cken und dadurch aus jenem Unfall entschiedenen Vorteil zu ziehen. Man unternahm es, und es ging gl��cklich vonstatten.
Den 24. Juni. Franzosen und Klubisten, wie man wohl bemerken konnte, da? es Ernst werde, veranstalteten, dem zunehmenden Mangel an Lebensmitteln Einhalt zu tun, eine unbarmherzige Exportation gegen Kastel, von Greisen und Kranken, Frauen und Kindern, die ebenso grausam wieder zur��ckgewiesen wurden. Die Not wehr- und h��lfloser, zwischen innere und ?u?ere Feinde gequetschter Menschen ging ��ber alle Begriffe.
Man vers?umte nicht, den ?streichischen Zapfenstreich zu h?ren, welcher alle andere der ganzen alliierten Armee ��bertraf.
Den 25. Juni nachmittag entstand ein heftiges, allen unbegreifliches Kanonieren am Ende unsers linken Fl��gels; zuletzt kl?rte sich's auf, das Feuern sei auf dem Rhein, wo die holl?ndische Flotte vor Ihro Majest?t dem K?nige man?vriere; H?chstdieselben waren deshalb nach Elfeld gegangen.
Den 27. Juni. Anfang des Bombardements, wodurch die Dechanei sogleich angez��ndet war.
Nachts gl��ckte den Unsern der Sturm auf Wei?enau und die Schanze oberhalb der Kartause, freilich unerl??liche Punkte, den rechten Fl��gel der zweiten Parallele zu sichern.
Den 28. Juni nachts. Fortgesetztes Bombardement gegen den Dom; Turm und Dach brennen ab und viele H?user umher. Nach Mitternacht die Jesuitenkirche.
Wir sahen auf der Schanze vor Marienborn diesem schrecklichen Schauspiele zu; es war die sternenhellste Nacht, die Bomben schienen mit den Himmelslichtern zu wetteifern, und es waren wirklich Augenblicke, wo man beide nicht unterscheiden konnte. Neu war uns das Steigen und Fallen der Feuerkugeln; denn wenn sie erst mit einem flachen Zirkelbogen das Firmament zu erreichen drohten, so knickten sie in einer gewissen H?he parabolisch zusammen, und die aufsteigende Lohe verk��ndigte bald, da? sie ihr Ziel zu erreichen gewu?t.
Herr Gore und Rat Krause behandelten den Vorfall k��nstlerisch und machten so viele Brandstudien, da? ihnen sp?ter gelang, ein durchscheinendes Nachtst��ck zu verfertigen, welches noch vorhanden ist und, wohl erleuchtet, mehr als irgend eine Wortbeschreibung die Vorstellung einer unselig gl��henden Hauptstadt des Vaterlandes zu ��berliefern imstande sein m?chte.
Und wie deutete nicht ein solcher Anblick auf die traurigste Lage, indem wir, uns zu retten, uns einigerma?en wieder herzustellen, zu solchen Mitteln greifen mu?ten!
Den 29. Juni. Schon l?ngst war von einer schwimmenden Batterie die Rede gewesen, welche, bei Ginsheim gebaut, auf den Mainkopf und die zun?chst liegenden Inseln und Auen wirken und sie besetzen sollte. Man sprach so viel davon, da? sie endlich vergessen ward. Auf meinem gew?hnlichen Nachmittagsritte nach unserer Schanze ��ber Wei?enau war ich kaum dorthin gelangt, als ich auf dem Flu? eine gro?e Bewegung bemerkte: franz?sische K?hne ruderten emsig nach den Inseln, und die ?streichische Batterie, angelegt, um den Flu? bis dorthin zu bestreichen, feuerte unausgesetzt in Prellsch��ssen auf dem Wasser, -- f��r mich ein ganz neues Schauspiel. Wie die Kugel zum erstenmal auf das bewegliche Element aufschlug, entsprang eine starke, sich viele Fu? in die H?he b?umende Springwelle; diese war noch nicht zusammengest��rzt, als schon eine zweite in die H?he getrieben wurde, kr?ftig wie die erste, nur nicht von gleicher H?he, und so folgte die dritte, vierte, immer ferner abnehmend, bis sie zuletzt gegen die K?hne gelangte, fl?cher fortwirkte und den Fahrzeugen zuf?llig gef?hrlich ward.
An diesem Schauspiel konnt' ich mich nicht satt sehen, denn es folgte Schu? auf Schu?, immer wieder neue m?chtige Font?nen, indessen die alten noch nicht ganz verrauscht hatten.
Auf einmal l?ste sich dr��ben auf dem rechten Ufer zwischen B��schen und B?umen eine seltsame Maschine los; ein vierecktes, gro?es, von Balken gezimmertes Lokal schwamm daher, zu meiner gro?en Verwunderung, zu meiner Freude zugleich, da? ich bei dieser
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