ihm, sie sang zu ihm;
Da war's um ihn geschehn: 30
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.
14. ERLKÖNIG
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem
Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er
hält ihn warm.
"Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?"-- 5 "Siehst, Vater,
du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif?"--
"Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif."
"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
"Gar schöne Spiele spiel' ich
mit dir; 10 Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
"Meine Mutter
hat manch gülden Gewand."--
"Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir
leise verspricht?"--
"Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; 15 In dürren
Blättern säuselt der Wind."--
"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?"
"Meine Töchter sollen dich
warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und
wiegen und tanzen und singen dich ein."-- 20
"Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter
am düstern Ort?"--
"Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
Es
scheinen die alten Weiden so grau."--
"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; 25 Und bist du nicht
willig, so brauch' ich Gewalt."--
"Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt
er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!"--
Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das
ächzende Kind, 30 Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen
Armen das Kind war tot.
[Illustration: Erlkönig, by Moritz von Schwind]
15. GESANG DER GEISTER ÜBER DEN WASSERN
Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder 5 Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl, 10 Dann
stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht
empfangen,
Wallt er verschleiernd, 15 Leis rauschend
Zur Tiefe
nieder.
Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig 20
Stufenweise
Zum Abgrund.
Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten
See 25 Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.
Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
30 Schäumende Wogen.
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des
Menschen,
Wie gleichst du dem Wind! 35
16. GRENZEN DER MENSCHHEIT
Wenn der uralte
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden
Wolken
Segnende Blitze 5 Über die Erde sät,
Küss' ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust. 10
Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt
er sich aufwärts
Und berührt 15 Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde. 20
Steht er mit festen,
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde:
Reicht er nicht auf, 25 Nur mit der Eiche
Oder der
Rebe
Sich zu vergleichen.
Was unterscheidet
Götter von Menschen? 30 Daß viele Wellen
Vor
jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle, 35 Und wir versinken.
Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sich dauernd 40 An ihres Daseins
Unendliche Kette.
17. LIED DES TÜRMERS
Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme
geschworen,
Gefällt mir die Welt.
Ich blick' in die Ferne, 5 Ich seh' in der Näh'
Den Mond und die
Sterne,
Den Wald und das Reh.
So seh' ich in allen
Die ewige Zier, 10 Und wie mir's gefallen,
Gefall' ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei, wie es wolle, 15
Es war doch so schön!
FRIEDRICH SCHILLER
18. DIE KRANICHE DES IBYKUS
Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Korinthus' Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe, 5 Der Lieder süßen Mund Apoll;
So wandert' er an leichtem Stabe
Aus Rhegium, des Gottes voll.
Schon winkt aus hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers
Blicken, 10 Und in Poseidons Fichtenhain
Tritt er mit frommem
Schauder ein.
Nichts regt sich um ihn her; nur Schwärme
Von
Kranichen begleiten ihn,
Die fernhin nach des Südens Wärme 15 In
graulichtem Geschwader ziehn.
"Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen,
Die mir zur See Begleiter
waren;
Zum guten Zeichen nehm' ich euch,
Mein Los, es ist dem
euren gleich: 20 Von fern her kommen wir gezogen
Und flehen um
ein wirtlich Dach.
Sei uns der Gastliche gewogen.
Der von dem
Fremdling wehrt die Schmach!"
Und munter fördert er die Schritte, 25 Und sieht sich in des Waldes
Mitte;
Da sperren auf gedrangem Steg,
Zwei Mörder plötzlich
seinen Weg.
Zum Kampfe muß er sich bereiten,
Doch bald ermattet
sinkt die Hand, 30 Sie hat der Leier zarte Saiten,
Doch nie des
Bogens Kraft gespannt.
Er ruft die Menschen an, die Götter,
Sein Flehen dringt zu keinem
Retter;
Wie weit er auch die Stimme schickt, 35 Nichts Lebendes
wird hier erblickt.
"So muß ich hier verlassen sterben,
Auf fremdem
Boden, unbeweint,
Durch böser Buben Hand verderben,
Wo auch
kein Rächer mir erscheint!" 40
Und schwer getroffen sinkt er nieder,
Da rauscht der Kraniche
Gefieder;
Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
Die nahen
Stimmen furchtbar krähn.
"Von euch, ihr Kraniche dort oben, 45
Wenn keine andre Stimme spricht,
Sei meines Mordes Klag'
erhoben!"
Er ruft es, und sein Auge bricht.
Der nackte Leichnam wird gefunden,
Und bald, obgleich entstellt von
Wunden, 50 Erkennt der Gastfreund in Korinth
Die Züge, die ihm
teuer sind.
"Und muß ich so dich wiederfinden,
Und hoffte mit der
Fichte Kranz
Des

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